#6 Armselig, Roboter, Tastatur
#5 Festplatte, Telefon, Eiszapfen
#4 Trennscheibe, Knethaken, Taschentuch
Christiane Sieveking
Drei Strofen unter Zofen
Aus enttäuschter Liebe schleuderte die eine das Taschentuch.
Doch der Maschenbruch
im Taschentuch
verhinderte die Aufprallwucht.
Die and’re konterte mit einer Trennscheibe
und benützte die Trennscheibe
als Fanreibe.
Das Ergebnis war bei Leibe
nichtmal für das Mannweibe
eine wahre Augenweide.
Trost bot da nur der Knethaken.
Denn im Betlaken
hilft der Knethaken
oft sehr beim Wehklagen.
Stefan Metzler-Dinhobl
Die Rettung
Es war ein kitschiger Einstieg, und danach ging’s bergab. Die eine Hauptfigur wurde mit einer übertriebenen Fülle von Adjektiven behängt, die andere wirkte so unglaubwürdig, dass es sich um einen Geburtsfehler handeln musste.
Schon nach wenigen Seiten hatte man das psychologisierende Gebrodel satt, das sich redlich abmühte, die ungelenken Actionszenen zu motivieren. Das Beste, was man bis dahin über die Lektüre sagen konnte, war, dass der Leser sich von einem unverhofft herzhaften Niesen erfreulich erfrischt fühlte. Wenn schon durch den Sehnerv literarischer Rotz ins Hirn drang, so ging doch durch die Nase einiges davon gleich wieder ab ins Taschentuch.
Da lag er, der Batzen, der noch vor Kurzem nah den edelsten Denkwerkzeugen gewohnt hatte und sich nun allmählich mit dem Zellstoff vereinigte. Bei unvoreingenommener Betrachtung wirkte diese unwillkürliche Entäußerung gar nicht unappetitlich, man fühlte sich beinah an Vanillekipferln im Rohzustand erinnert, in jenem Stadium, wo die künftige Köstlichkeit dem Knethaken schon entwachsen ist und sich mental aufs Backblech vorbereitet.
Ähnliches mochte man auch dem Lesestoff wünschen. Doch der ließ jedwede Hoffnung auf einen Wandel zum Bekömmlicheren verdorren. Der Leser quälte sich von dröger Charakterisierung zu hanebüchener Motivation. Das Zeitgerüst war windschief, die Wendungen absehbar wie der Kostenvoranschlageines Automechanikers, der beim Anblick des Reparaturobjekts hörbar Luft durch die Schneidezähne saugt. Dazwischen erstreckten sich meilenlange beschreibende Passagen, so trocken, dass sich Staub auf den Buchseiten ansammelte. Doch halt! Dieser Staub, er war das Licht am Ende des Lesetunnels. Denn wie ein Blick zur Decke erwies, hatte er sich doch nicht aus der Unfähigkeit des Autors transsubstantiviert, sondern war, wie alles Gute, von oben herabgerieselt. Und der Lärm war auchnicht zu verachten. War der Nachbar im oberen Stock wohl wieder einmal bei laufender Trennscheibe eingeschlafen.
#3 Jägermeister, Panzer, Saugnapf
Christiane Sieveking
Das Bolzenhirschgerät und seine zweckmäßige Verwendung – nur auszuführen durch erfahrene Jägermeister
Das Berufsbild des Jägermeisters hat sich über die Jahrhunderte stark verändert. Besonders in den letzen Dekaden ist ein rapider Wandel zu verzeichnen. Längst reicht es für ein erfolgreiches Jägermeister-Dasein nicht mehr aus, den Wald zu kennen, die Bäume zu pflegen und das Wild des – je nach Dienstverhältnis – Herzogs, Grafen, Freiherrn, Königs, Kaisers, Vatikans oder Landes zu hüten und zu schießen. Auch das namensgebende Zieren von Miniatur- und Großflaschen stark alkoholischen Inhalts wird nicht mehr als hinlänglich empfunden. Ja, dieser ehrenwerte Berufsstand und jeder seiner einzelnen, nicht minder ehrenwerten Vertreter sieht sich neuen, umfassenden Herausforderungen gegenübergestellt.
Immer häufiger, vor allem in Nicht-Schengen-Grenzgebieten, tauscht so mancher Grünrock seinen Unimock frisch, fromm, fröhlich, frei gegen einen Panzer, um durchs Unterholz zu pirschen – auch wenn er somit in Agilität und Spritzigkeit leichte Einbußen hinnehmen muss. Dieser verschmerzbare Verlust ist über die befriedigende Freude bei der Tätigkeit schnell vergessen: Was kann es Schöneres geben als sanft auf moosweichen Kettenrädern über die Fluren zu schweben und großkörperige Schädlinge einzuebnen: Wildschweine, Naturfreunde, Illegale – ach, wie mannigfach ist doch die Blut- und Bodenpflege! Nichts ist dabei so effizient wie ein Panzer, besonders in seiner formvollendeten Ausführung „Jagdpanther“. Geschmeidig tänzelt er dahin, in hingebungsvoller Verschmelzung mit seinem Führer. Für Mensch und Maschine ein Hochgenuss.
Und auch beim alltäglichen Jagdakt werden spielerisch ganz neue Akzente gesetzt. Seit geraumer Zeit ist die einst starre, unüberbrückbare Trennlinie aufgelöst. Kaum ein elaborierter Jägermeister, der noch von oberhalb und unterhalb der Linie spricht. Im starken Verbund vermögen Mensch und Kreatur doch weitaus mehr! Längst liegt das alleinige Augenmerk nicht mehr darauf, das stolze Waldgetier ins Visier zu nehmen und mit einem punktgenauen Blattschuss niederzustrecken. Nein, der erhabene König des Waldes wird in der modernen Jägermeisterkunst selbst zum Treiber. An der Seite des Jägermeisters ist ein gut geschulter 15-Ender schon nach nur wenigen Trainingsjahren in der Lage, die Tötungsquote seines Vorgesetzen mindestens zu verdoppeln. Hat der Jägermeister sein Ziel, etwa einen Zitronenfalter oder einen Löwenzahnflugsamen, erspäht, ergreift er seinen getreuen Partner an den Hinterläufen, umklammert dessen beide Beine fest mit allen Fingern einer Hand, reißt das abgerichtete Tier waagrecht nach oben, bringt es in die perfekte Schussposition, zielt und zieht den Trigger ruckartig nach hinten durch. Der Auslöser setzt im Inneren des Bolzenhirschgeräts eine Kettenreaktion frei. Die tief im Rumpf entstehende Explosion entlädt sich mit großer Wucht und noch größerer Treffsicherheit über den Speiseröhrenlauf durch die Mundmündung. Ein Feuerstrahl schießt dem Ziel entgegen. In einem Sekundenbruchteil wird der Mittelpunkt des projizierten Fadenkreuzes erreicht. Das Objekt sinkt letal getroffen zu Boden. Gelassen und erfolgreich kann der Jägermeister den Hirsch nun wieder sich selbst überantworten. In inniger Vertrautheit begeben sich beide zum erlegten Objekt, das nun meist vom Jägermeister trophäengleich geschultert wird, und streichen nebeneinander bis zum Ende ihrer Schicht durch Mutter Natur.
Errungenschaften wie das Bolzenhirschgerät verdankt die Menschheit der bedingungslosen, kreativen und kontinuierlichen Jagdforschung. Dieser angesehene, stark spezialisierte Zweig der angewandten Wissenschaft arbeitet außerdem unaufhörlich und lobenswerterweise daran, die Werkzeuge, die sie dem wack’ren Waidmann für die Bewältigung seiner wachsenden Herausforderungen zur Seite gestellt hat, zu verbessern. So haben derzeit führende Wissenschaftler angekündigt, die Emission von radioaktiven Wellen beim Schießen mit dem Hirschen drastisch zu verringern. Zu diesem Behufe soll im inneren Explosionskanal ein Saugnapf, der die schädliche Strahlung absorbiert, fest in die Schleimhaut des Bolzenhirschgeräts eingebracht werden. Wie Konstruktionszeichnungen zeigen, ist dieser Saugnapf an seiner Saugschale mit einer adäquaten Filtermembran ausgestattet, die nach ca. 10 Schuss gewechselt werden müsste. Ob damit der Durchbruch gelingt und wann die Mechanik zur Serienreife kommt, ist jedoch noch offen.
Stefan Metzler-Dinhobl
Beim Manöver – Sonett in teutschen Alexandrinern
Hans Müller gibt jetzt Gas, der Diesel brunftet heftig.
Und vorne Hauptmann Brandner befiehlt: „Lass jucken, Alter!“
Die andern Leo zwo sich ruhig noch verhalten.
Müller will nicht mehr warten. Er sieht sich nun tatkräftig.
Die Stimmung in dem Panzer ist mehr als ausgelassen.
Die ganze Mannschaft johlt, man patscht sich auf den Rücken.
Und will sich – Standes ungeachtet – gar an den Händen fassen.
Es herrscht in diesem Fahrzeug verblüffendes Entzücken.
Die Ursach’ dieses Frohsinns hängt hinten bei der Rampe.
Daraus gießt Müller sich jetzt einen auf die Lampe.
Der Flaschenpegel sinkt, es steigt dafür die Laune.
Der Jägermeister bleibt bei allem Fahrtgerüttel
Ganz fest an seinem Platz, dank einem schlichten Mittel:
Ein großer Saugnapf hält den Freudensaft, denbraunen.
#2 Barbiepuppe, Käsekuchen, Kugelschreiber
Christiane Sieveking
Fragen des Geschmacks
Die kalte Kugelschreiberspitze berührt meinen nackten Bauch. Kitzelnd zieht sie weite Kreise, arbeitet sich von außen nach innen vor, umzingelt meinen Nabel, brüstet den durchsichtigen Hautflaum gegen den Strich. Unausweichlich-unauslöschliche Linien gräbt sie in das Imaginationszentrum meines Bewusstseins.
Sie verlässt mich – ruft so ein kurzes Gefühl der Unbewohntheit herauf. Doch nur um den Genuss der nachfolgenden Heimsuchung zu steigern: Sie setzt an meiner Flanke auf – ein elektrisierendes Zittern durchzieht die subkutanen Mikromuskeln. Ich grinse den Verursacher entschuldigend an. Der Arzt scheint so etwas gewohnt zu sein und kommentiert mit einem professionellen Nichtkommentieren. Er zeichnet weiter, ganz auf seine Arbeit an meinem Körper konzentriert.
Ahh, er kann auch sprechen. Wie eine Barbie-Puppe werde ich aussehen, das kann er schon jetzt versprechen. Viel sei ja ohnehin nicht zu machen. Nur ein bisschen reshapend einzuwirken. Bauch-Beine-Po – das könne auch das beste Workout-Programm nicht so gezielt hinbekommen. Irgendwie kann ich mich des hartnäckigen Eindrucks nicht erwehren, dass sich seine Tochter ein Pferd wünscht. Und wenn Kinder ihren Willen entdecken, müssen sie darin mit allen Mitteln bestärkt werden. Deshalb morgen also. Gleich in der Früh.
Ich wache aus der Narkose auf. Wolkig, schaumgebremst. Ich sollte mir unbedingt aufschreiben lassen, wie das Zeug heißt. Hoffentlich ist es nicht das, was da neben mir auf dem Nachttisch steht. Ein großes hohes Gefäß, luftdicht verschlossen, bis zum Rand mit einer weißen, kubbelig-galertartigen Masse gefüllt.
Falls ich mir doch noch die Lippen auf- und die Falten unterspritzen lassen möchte. Das eigene Material ist halt einfach immer das verträglichste. Die mitdenkende Fürsorge der Schwester rührt mich fast zu Tränen, wobei ich diese Regung eher auf die chemischen Ingredenzien, die mir die moderne Samariterin angedeihen lässt, als ihre Herzenswärme zurückführe. Nach einer weiteren tief-schweren Schlafeinheit schäle ich mich aus meiner Liegstatt und schlurfe um einige Deka erleichtert von Dannen. Mein Exkörperfülle-Glas trage ich in einem dezenten Plasitksackerl nach Hause.
Einige Tage bevölkert es ordnungs- und anweisungsgemäß meinen Kühlschrank. Bis sich Freunde zu Kaffee und Kuchen ankündigen. Euphorisch mache ich mich ans Werk: Käsekuchen. Die Butterkekse gut zerbröseln und mit Butter kurz verschmelzen lassen, dann in eine Springform drücken. Die gut gekühlte Fettmasse mit Eiern, Zucker, Obers und Orangenlikör cremig rühren. Die nimmermüden Besen des Handrührgeräts wirbeln durch den Schüsselraum, bis auch die feinsten Knubbel in der hellweißen, topfenähnlichen Melange aufgegangen sind. Die Masse auf dem Keksboden gleichmäßig verteilen. Im vorgeheizten Ofen auf mittlerer Schiene bei 180 Grad backen. Aus dem Ofen nehmen, bis zum Erkalten in den Kühlschrank stellen und servieren.
Aus dem Bauch bist du genommen, in den Bauch kehrst du zurück.



